Züri Ost, 28. März 2020
Fällander Buchautor
«Meine Frau wünscht sich einen Serienkiller»
20 Jahre lang hat Ralph Leonhardt an seinem ersten Buch geschrieben. Nun ist der Thriller des Fällander Sekundarlehrer fertig. Über einen Autor, den Verschwörungstheorien inspirieren (Artikel von Dario Aeberli)
Ralph Leonhardt ist ein positiv denkender Mensch. Der Sekundarschullehrer sitzt wegen der Corona-Krise wie so viele zu Hause fest. Die Weiterbildungen, die er leiten sollte, wurden alle gestrichen. Den in Kürze anstehenden Thailandurlaub musste der 55-Jährige absagen. Trotzdem kann er der aktuellen Situation etwas Positives abgewinnen: «Für mein zweites Buch werde ich dank dem Corona-Virus wohl nicht nochmal 20 Jahre brauchen.» So lange arbeitete Leonhardt an seinem eben erschienen, dreihundertseitigen Thriller «Absicht», der im Selbstpublikationsverlag «Books on Demand» erschien.
Für seinen Erstling musste er sich immer wieder aufs Neue in seine eigene Geschichte einlesen. Er schreibe nämlich nur, wenn er Zeit und Lust dazu habe, sagt Leonhardt. «Ich sehe mich ja auch nicht primär als Schriftsteller.» Sich zum Schreiben zu zwingen, bringe nichts. Doch im Moment sei er dank den positiven Rückmeldungen zu seinem ersten Buch voller Elan.
«Niemand soll mir dreinreden»
Dass Leonhardt ein Buch schreiben wollte, beschloss er nach einem frustrierenden Erlebnis, das eigentlich ganz positiv begann: «Als Lehrer setzte ich früh auf spezielle Unterrichtsformen, die noch nicht sehr verbreitet waren», sagt Leonhardt. Sein Klassenzimmer habe er wie ein Grossraumbüro organisiert, mit Stellwänden und verteilten Lernlandschaften, um individuelles Lernen zu ermöglichen. «Einige Lehrer fanden das spannend und wollten mehr darüber wissen.» Daraufhin schrieb er zusammen mit einer Arbeitskollegin ein Fachbuch für den Lehrmittelverlag Klett über die neue Unterrichtsform. «Da haben mir aber viele Leute vom Verlag und Experten dreingeredet», sagt Leonhardt. Das sei so anstrengend gewesen, dass er beschloss, irgendwann ein Buch ganz allein zu schreiben. Er sagte sich: «Niemand soll mir dabei dreinreden.»
Dass es ein Thriller werden sollte, war für ihn früh klar. Zu seinen Lieblingsautoren gehört der Amerikaner John Grisham, der bekannt für seine Justizthriller und Kriminalromane ist. «Die Spannung mit den typischen Irrwegen, falschen Fährten und Überraschungen haben es mir angetan», sagt Leonhardt.
Verschwörungstheorien als Basis
In seinem Buch «Absicht» schickt Leonhardt seinen Hauptprotagonisten Mario Sorese, einen in Ungnaden gefallenen, ehemaligen Polizisten, um die ganze Welt. Über Stationen in Ägypten, Italien, Amerika, Thailand und Dubai soll seine Figur ein internationales Syndikat aufdecken, das hinter vermeintlich zufälligen Morden und Katastrophenereignissen steckt.
Leonhardt hat jeden Schauplatz im Buch selbst bereist.
«Die Grundidee für die Geschichte stammt von Verschwörungstheorien», sagt Leonhardt. Es gebe Leute, die behaupteten, dass terroristische Anschläge nur geplant würden, um den Tourismus in gewissen Ländern zu schaden. Er glaube persönlich nicht an solche Theorien. «Ich traue es dem Menschen zu, aber ich hoffe, dass es nicht stimmt.» Allerdings schreibt er auf seiner Website trotzdem: «Auch wenn die Handlung des Buchs fiktiv ist, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich Ähnliches bereits einmal zugetragen hat.»
«Reisefüdli» mit schlechtem Gewissen
Jeden einzelnen Schauplatz in seinem Buch, habe er selbst besucht, sagt Leonhardt. Er bezeichnet sich selbst als «Reisefüdli». Das sei ihm früh von seinen Eltern «eingeimpft» worden. «Sie führten ein Reisebüro und nahmen mich bereits als Achtjährigen mit nach Amerika.» Noch heute sei Reisen sein grösstes Hobby. «Ich habe keinen Mercedes in der Garage, dafür gebe ich das meiste Geld für das Reisen aus.» Die Klimadebatte ist dennoch nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Er müsse bei seinen Reisen immer wieder einen Kompromiss mit sich selbst aushandeln. «Das Mindeste für mich ist: Die Kompensation für die Flugreisen zu bezahlen», sagt Leonhardt. Und nach seiner Pension würde er sich gerne mehr Zeit nehmen und mit dem Zug oder dem Bus ökologischer verreisen. «Aber mit meiner Anzahl Ferienwochen pro Jahr liegt das leider nicht drin. Thailand mit dem Zug zu erreichen, dauert eine Weile.»
Der gemeinsame Nenner: Grappa
Die erste Leserin seines Thrillers war seine Frau. «Sie hat auch gleich einige Gemeinsamkeiten zwischen mir und der Hauptperson entdeckt, die nicht beabsichtigt waren.» So habe seine Frau schmunzeln müssen, als die Hauptfigur begann über Grappa zu schwärmen – auch Leonhardt trinkt fürs Leben gerne Grappa.
Mittlerweile habe er «ein paar hundert» Exemplare seines Thrillers verkauft und bereits steht das Grundgerüst für sein nächstes Buch: «Meine Frau wünscht sich dieses Mal eine Geschichte über einen Serienkiller.»
Bild von Sereina Boner